König Lear scheitert am Generationenwechsel – Altern in Würde undenkbar?
von Katrin Dürwald
Warum trägt der moosgrüngekleidete Balljunge eine asymmetrische
Halbglatze, und warum erinnert der behaarte Teil der Frisur an Andre Agassi? –
Warum werden die zwei bösen Töchter Goneril und Regan von Männern in
Frauenkleidern gespielt? Warum ist der bösartige Edmund ein Mädchen in
japanischer Schuluniform? Wieso sind sowohl König Lear als auch Lord von
Gloster so ahnungslos in bezug auf ihre Kinder, warum sind sie so extrem und
schwanken zwischen grenzenlosem Vertrauen und maßloser Verurteilung? -Wieso
drückt sich Wahnsinn durch Nacktheit aus?
Auf einige dieser Fragen findet der Theaterbesucher
Antworten, andere bleiben auch nach Tagen noch ohne Deutung. Sowohl rätselnd als
auch fasziniert verfolgt man die Inszenierung von „König Lear“, mit der
Intendantin Karin Beier die Saison im Schauspielhaus eröffnet. Die Bühne ist
ein großer hellgrauer Kasten mit einem nach vorn hin schräg abfallenden Boden.
Der alte König Lear alias Edgar Selge schreitet in Zeitlupentempo an der
Kastenwand entlang, wobei er sich unsicher mit der Hand abstützt. Doch alle
Gebrechlichkeit scheint von ihm abzufallen, sobald er Audienz hält. Ein Stuhl
symbolisiert den Thron, ein großes Tuch auf dem Fußboden das Reich, das er auf
seine Töchter zu übertragen gewillt ist. Es folgt die schwerwiegende Frage:
„Sagt mir, meine Töchter, da Wir Uns jetzt entäußern der Regierung, des
Landbesitzes und der Staatsgeschäfte, welche von euch liebt Uns nun wohl am
meisten?“ – Die beiden ältesten Töchter Goneril (Carlo Ljubek) und Regan
(Samuel Weiss) umschmeicheln ihren Vater und geraten im Kampf um dessen Gunst in
einen Sängerwettstreit.
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| Produktionsfotos © Matthias Horn |
Gesangs-Casting ums Erbe
Hinter dem Rollentausch der Geschlechter steht die Regieabsicht,
Geschlechterstereotype zu durchbrechen. So werden die raffgierigen Weiber ganz
offensichtlich von Männern gespielt, der durch und durch intrigante Edmund ist
eine junge Frau. Lears jüngste Tochter, Cordelia (Lina Beckmann), kann sich
nicht zu Heucheleien durchringen und gesteht ihm ihre Zuneigung, „wie's meiner
Pflicht geziemt, nicht mehr, nicht minder“, doch das reicht Lear nicht. Er
verstößt und enterbt sie. Und dann kommt es zum genialen Schachzug Karin
Beiers: sie lässt Lina Beckmann in die Rolle des Hofnarrs schlüpfen, der das
Abgleiten des Königs in Altersstarrsinn, Demenz und Wahnsinn humoristisch und
kongenial begleitet. – Diese Rolle ist Beckmann wie auf den Leib geschrieben,
dort entfaltet sie ihre Stärken.
Ebenso verblendet wie Lear ist Graf Gloster (Ernst Stötzner),
der auf die Intrige seines unehelichen Sohns Edmund hereinfällt und glaubt,
sein ältester Sohn Edgar habe ein Mordkomplott gegen ihn ausgesponnen. Herrlich
ahnungslos wird besagter Edgar von Jan-Peter Kampwirth gespielt. Als dieser für
vogelfrei erklärt wird und außer Landes fliehen muss, verliert er den Verstand
und entledigt sich über lange Strecken seiner Kleidung. Anfangs wirkt seine
Nacktheit noch hilflos menschlich, später ist er komplett in Talkum gepudert
und sieht aus wie ein marmorierter Engel. Es fällt leichter, ihn geweißt zu
betrachten. Er ist dieser Welt aus Intrigen und Machtspielen entrückt; man kann
ihm nichts mehr anhaben.
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| Produktionsfotos © Matthias Horn |
Obwohl in dieser unschuldig wirkenden Schuluniform steckend verströmt
Edmund alias Sandra Gerling so viel Hass und Frust, dass es einen erschauern
lässt. Quentin Tarantino hätte seine Freude daran, sie für eine Fortsetzung von
„Kill Bill“ einzusetzen. Die Deutung, dass Edmund für einen Generationenkampf
in einer durch die Alten regierten Gesellschaft stehe, erscheint etwas an den
Haaren herbeigezogen, auch wenn das in anderen Inszenierungen deutlicher
herausgearbeitet wurde. In dieser Inszenierung gefällt vor allem der visuelle und
inhaltliche Spannungsbogen zwischen dem unschuldigen Edgar und dem dämonischen
Edmund.
Der Generationenkonflikt zeigt sich umso deutlicher zwischen
Lear und seinen Töchtern Goneril und Regan. Denn sie sind eigentlich nicht
wirklich hinterhältig. Sie kennzeichnen vielmehr das schwierige Verhältnis von
Eltern zu ihren Kindern. Die Alten wollen vielleicht Verantwortung und Aufgaben
übergeben, aber dabei weiterhin das Sagen behalten. Sie wollen weiterhin das
Was und Wie und überhaupt bestimmen und sich ihren Kindern gegenüber nicht in
Abhängigkeit begeben. Kinder sind zuweilen genervt von ihren Eltern, und so
ergeht es auch Goneril und Regan, die über Lears Besuche nicht gerade
begeistert sind. Sie reduzieren seinen Hofstaat, okay, für heutige Verhältnisse
eine Kleinigkeit. Doch Lear tendiert wie immer zur extremen Deutung und ist es
nicht gewohnt, Kompromisse zu suchen. Doch sein Abgleiten in die Demenz verhindert
einen Machtkampf. Er zieht den Kürzeren und wendet sich vertrauensvoll dem
Hofnarr zu.
Anfänglich identifizieren sich Carlo Ljubek als Tochter
Goneril, flankiert von Samuel Weiss als ihre Schwester Regan, voll und ganz mit
ihren weiblichen Rollen. Als sich die Machtverhältnisse zwischen ihnen und Lear
umkehren, ziehen sie sich Sakkos über die Kleider. Im Verlauf des Abends büßt
das Gehen auf Pumps in Größe 48 etwas an Eleganz ein, und hinter der
verwischten Schminke tritt bei Goneril ein sexy Dreitagebart zutage. Beide
benutzen die Perücken wie abnehmbare Mützen, sie sind wahlweise Frauen oder
Männer. So wie die heile Welt von König Lear zerfällt, verschwindet auch die
Trennung der Geschlechter.
Lina Beckmann singt „Ha, ha, said the clown“
Das Ensemble ist unheimlich stark und wird nicht allein
durch ihren Star Edgar Selge getragen. Lina Beckmann zeigt in ihrer Rolle als Narr
eine perfekt auf die Handlung abgestimmte, außerordentlich bewegliche Mimik. Ihre
mit Clownsstimme vorgetragenen, platten Lebensweisheiten intensivieren die Tragik,
mit der Lear in die Umnachtung abgleitet. Carlo Ljubek und Sandra Gerling entfalten
fast animalische Bühnenpräsenz, und mittendrin Jan-Peter Kampwirth als
flatterhafter Engel im Adamskostüm. Dass auch Selge zeitweilig nackt auftritt,
fasst das Publikum als Affront Karin Beiers im Bemühen um Effekthascherei auf. Man
hört ablehnendes Gegrummel in den Stuhlreihen. „Das muss man dem armen Mann
doch nicht antun“, so der Tenor in der Pause. Als hätte man das Publikum
erhört, trägt er im nächsten Aufzug immerhin ein langes, weißes Doppelripp-Unterhemd.
Ganz wunderbar ist das Klavierspiel von Yuko Suzuki, die den
Wahnsinn akustisch hörbar macht. Mit wenigen Tastenschlägen erhöht sie die
Spannung der Erzählung, verstärkt Schmerz durch Zerren an den Saiten, sie klopft
monoton aufs Klavierholz und versetzt den Zuschauer damit mit direkt hinein in
die wirre Geschichte.
Die Bedeutung des Balljungens auf der Bühne bleibt im Unklaren.
Es ist der treue Diener Gonerils, gespielt von Maximilian Scheidt, den der
treue Gefolgsmann von König Lear, Graf Kent (Matti Krause), immer mal wieder als
Objekt seiner Aggressionen benutzt. Er ist es auch, der den Shakespeare’schen Stoff
mit aktuellen politischen Themen verknüpft: Chemnitz oder die AfD. Das zu tun
ist kein Geniestreich, sondern liegt in der Erwartungshaltung des Zuschauers.
Es fragt sich manchmal nur, ob man diese Erwartungshaltung immer bedienen muss.
Aber all das nimmt einem nicht die Faszination, in die man beim
Erleben des Stückes zwangsläufig gerät. Es ist ein Stück, das lange in den
Köpfen der Zuschauer nachhallt und dem man auch nach Tagen noch neue Aspekte
abgewinnt.
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| Anhaltender Applaus für das ausdruckstarke Ensemble |
deutsch von Rainer Iwersen
Regie: Karin Beier
Bühne und Kostüme: Johannes Schütz
Musik: Jörg Gollasch
Es spielen: Lina Beckmann, Sandra Gerling, Jan-Peter Kampwirth, Matti Krause, Carlo Ljubek, Maximilian Scheidt, Edgar Selge, Ernst Stötzner, Samuel Weiss



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